[Review] Die Fliege (1958)

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[Review] Die Fliege (1958)

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innominate
bad motherfucker
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Beitrag#1  01.01.08 - 19:47  [Review] Die Fliege (1958) Antworten mit Zitat

Die Fliege
(The Fly)

Drama/Horror, USA 1958
Regie: Kurt Neumann
Drehbuch: James Clavell
Kamera: Karl Struss
Musik: Paul Sawtell
Produzent: Kurt Neumann
Darsteller: Al Hedison, Patricia Owens, Vincent Price, Herbert Marshall, Charles Herbert u.a.

Story:
Andrè Delambre (Al Hedison) ist leidenschaftlicher Wissenschaftler. Wochenlang verkriecht er sich in sein Labor und arbeitet an neuen Erfindungen. Seine neueste ist eine Teleportationsmaschine, die bahnbrechend in der Entwicklung des technischen Fortschritts zu sein scheint. Bei einem Selbstversuch übersieht er, dass sich eine Stubenfliege mit in der Transportkammer befindet, so dass er mit der Fliege den Kopf und einen Arm tauscht. Zunächst kann er das vor seiner Frau Helene (Patricia Owens) verbergen und schreibt ihr Nachrichten via Schreibmaschine. Das geht gut, bis ihre Sorge zu groß wird und ihn enttarnt. Darauf hin entscheidet er sich für einen verzweifelten Schritt. Er will sich umbringen, doch Helene muss ihm dabei helfen...

Filmbesprechung:
"She had to kill the Thing, her Husband has become - but could she?" Mit den abenteuerlichsten, aufreißerischen Sprüchen wurde Die Fliege zum Kinostart 1958 beworben. Tatsächlich ist der Film sehr erschreckend, aber weniger aufgrund Spezialeffekte oder allzu grausamen Szenen. Auch die Plakate, auf denen man eine gezeichnete monströse Fliege sieht wie sie eine Frau anfällt, waren nur ein Mittel den Film publikumswirksam als typischen und damals sehr beliebten Tier-Horrorfilm gepaart mit Science-Fiction zu verkaufen. Mit der Wahrheit hat dies wenig zu tun. Er unterscheidet sich wesentlich von anderen Filmen mit Tieren als Horrorwesen der 50er Jahre. Liest man sich nur die Story durch, die vielleicht auch zusätzlich etwas sehr isoliert auf die Verwandlung des Wissenschaftlers zur Fliege eingeht, kann man den Film sicher oberflächlich auch in dieses Genre einordnen. Tatsächlich aber ist Andrè Delambre die tragischste Gestalt aller "mad scientists", wie heute in Literatur und Film ein Wissenschaftler bezeichnet wird, der in einem Anfall von Größenwahnsinn und Übereifer versucht Gott zu spielen und neues Leben zu erschaffen. Das erste mal tauchte dieses typische Horror-Thema in Mary Shelley's Roman Frankenstein von 1816 auf. Die Fliege unterscheidet sich aber wie bereits geschrieben erheblich von anderen Stoffen zu diesem Thema, die in der besagten Tierhorror-Welle des Kinos entstanden. Er erzielt die Spannung nicht aus den Spezialeffekten, obwohl diese qualitativ weit über dem Durchschnitt liegen. Das für einen als Tier-Horrorfilm beworbenen ungewöhnlich hochwertige und komplexe Drehbuch macht die atmosphärische Dichte und die eher dramatische als gruselige Stimmung aus. Früher war allein der (sehr gut gemachte) Fliegenkopf furcht erregend für die Zuschauer und die Erwartungen die durch das geschickte Marketing geschürt wurden, sahen sich erfüllt. Da man heute allerdings schon alles mit doppelter und dreifacher intensität in Filmen gesehen hat, kann das heute eher weniger schocken. Außer auf der Ebene eines Dramas. Und hier funktioniert der Film für mich perfekt. Als Helene ihren Ehemann das erste mal mit Tuch über dem Kopf erblickt, bin ich jedes mal wieder den Tränen nahe. Die Entwicklung der Handlung ist so geschickt aufgebaut, dass man jedes mal wieder gefangen ist in einer Stimmung aus Furcht und Mitleid. Womit ich zurück komme zum Drehbuch, das den gesamten Film über mit einer Erzählstruktur aufwartet, die ein Beispiel ist wie eine Handlung dramaturgisch erstklassig funktioniert.
Ein erstes Exempel dafür verfolgen wir bereits zu Beginn des Films. Andrès Bruder Francoise Delambre (Vincent Price), erhält einen Anruf von Helene, sie hätte ihren Mann umgebracht und ihr Schwager solle sofort zu ihr kommen. Nachdem er erst denkt, es wäre ein schlechter Scherz, will er der Sache doch nachgehen. Doch gerade als er das Zimmer verlassen will, ruft der Nachtwärter der Gießerei-Fabrik an und berichtet ihm von einem toten Mann unter einer Presse. Eine Frau, die wie Madame Helene Delambre aussah, rannte vor dem Wächter davon. Aufgrund dieser beiden Telefonate, kann sich Francoise bereits vorstellen was und wie es geschehen ist. Und das noch bevor er von irgendeiner Person auch nur den Hauch einer Erklärung erhalten hat. Die meisterliche Erzähltechnik zeigt sich auch darin, wie der Film aufgeteilt ist. Er besteht aus drei Akten, von denen jeweils der erste und der letzte von Vincent Price als Francoise getragen wird. Im mittleren Teil sehen wir per Rückblende die tragischen Begebenheiten um den Wissenschaftler Andrè und Helene. Dieses geschickte Arrangement macht es aber möglich, Francoise auch in dieser Rückblende zu sehen und so schließt sich für den Zuschauer der Kreis. Die Rolle von Francoise ist in diesem mittleren Akt um die Experimente und letztlich die Verwandlung von Andrè Delambre zwar eigentlich eher unbedeutend, aber das Auftauchen von ihm auch hier erfüllt seinen Zweck um die drei Akte noch zusammen hängender erscheinen zu lassen. Und es bietet eine der zunächst witzig erscheinensten, später aber unheilschwangersten Bemerkungen des Film. Denn als Francoise seinen Bruder und Schwägerin zum Abendessen besucht und er und Helene nur einen Zettel von Andrè an der Laboratoriumstür vorfinden, meint Francoise beiläufig: "Seine Handschrift wird auch immer schlechter." Zu diesem Zeitpunkt wissen weder Francoise und Helene noch der Zuschauer, dass der Unfall durch den Andrè halb Mensch - halb Fliege wurde, bereits geschehen ist und sein Gehirn im Fliegenkopf eine exakte Schriftart nicht mehr zulässt.

Diese Dramaturgie ist es also, die den Film ausmacht und von anderen Produktionen des Genres abhebt. Doch auch die sorgfältige Produktion von 20th Century-Fox des Low-Budget Films, macht diese Eigenschaft aus. Der deutsche Regisseur Kurt Neumann, spezialisiert darauf Filme mit geringem Budget zu Kassenschlagern zu machen, ließ ihn als ersten Horrorfilm überhaupt im Cinemascope-Verfahren drehen. Neumann hielt auch Drehbuchautor James Clavell dazu an, zu der phantastischen Story glaubwürdige, realistische Dialoge zu schreiben. Von den Schauspielern forderte er eine gradlinige Darstellungsweise. Niemand sollte sich allzu sehr in den Vordergrund spielen., was aber die Leistungen der Akteure hier nicht eindämmte sondern förderte. Gerade durch die nüchtern-sachliche und nur selten schnelle Inszenierung, wirkt der Film sehr bedrückend und tragisch.
Das alles gibt dem Film ein Antlitz, das für einen Horrorfilm sehr untypisch war und so bleibt letzten Endes tatsächlich nur der Kern-Plot um die Verwandlung des "mad scientists" zur Fliege um den Film doch im Horrorgenre einordnen zu können. Das damalige Marketing wirkt aus heutiger sicht nur noch charmant und auch das Mitwirken des als Horror-Star geltenden Vincent Price kann jemanden, der auch seine zahlreichen Filme abseits des Horror-Genres kennt und mag, nicht mehr zum Schubladendenken veranlassen. Zumal seine Rolle und sein Spiel hier eh weitere Aspekte der akkuraten und schnörkellosen Produktion sind und nur im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk seiner Karriere sein Horror-Image untermauern.

zuerst erschienen auf baum.brennt.de.vu
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Max_Cherry
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Beitrag#2  04.01.08 - 12:43   Antworten mit Zitat

Oha, damit hab ich jetzt nicht gerechnet, ich hab den Film immer der naive Gruselfilm-Ecke zugeordnet, alleine schon wegen des Werbematerials.
Schönes Review, aber alles hab ich mir nicht durchgelesen, da ich den Film noch nicht kenne. Ein Bekannter hat aber beim T€di für mich zugeschlagen und in ein paar Monaten les ich den Rest.
Die Vorfreude auf den Film ist bei mir auf jeden Fall gestiegen.


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